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INK. Zeitgenössische Tuschemalerei aus China

25.03.2018 - 29.04.2018

Verzweigte Wege der traditionellen chinesischen Tuschemalerei in die Kunst der Gegenwart

 

Die Tuschemalerei hat eine lange Tradition in China. Die Künstler hatten eine lange Lehrzeit bei einem Meister, bis sie selbst zur Meisterschaft fanden. Im Kopieren der vorbildlichen und besten Tuschezeichnungen lernten sie nicht nur die Technik des Malens und Zeichnens mit Pinsel und Tusche, diese Form der Aneignung garantierte auch über Jahrhunderte die dauerhafte Überlieferung und Konstanz der Formen und Motive dieser Kunst.

In den Museen Chinas erkennt man, welch zentrale Rolle die Landschaftsmalerei in der bis heute an den Akademien weiterhin gepflegten traditionellen Tuschemalerei beansprucht. In hohen  Gebirgslandschaften durchdringen sich Felsformationen und Wälder sowie tiefe Täler, darin kleine Figuren, Mönche auf ihrem buddhistischen Weg in die Einsamkeit, Bauern bei der Feldarbeit, kleine Tempel und Ansiedelungen… bis hin zu großflächigen Panoramen des städtischen Lebens mit unzähligen Menschen, die das soziale und das Arbeitsleben in vielen Szenen anschaulich verkörpern. Der vordergründige, erzählende Realismus ist aufgehoben in der feinen Tuschemalerei, in dem Wechselspiel von linearen und malerischen Pinselspuren. Die Bewegung und Gestik und die wechselnde Intensität der Tuschemalerei und Pinselzeichnung haben ihre Entsprechung in der ebenso traditionellen Übung der Kalligraphie. Es handelt sich weniger um Landschaftsportraits als eher um Imagination und Ausdruck des Schauers vor der Erhabenheit der Natur. Oft finden sich in den Landschaftsbildern kalligraphische Texte von zeitgenössischen Dichtern. Die poetischen Sprachbilder des lyrischen Textes und die Imagination der Malerei interpretieren sich gegenseitig.

In den 1980er Jahren beginnen sich die Kultur und Kunst Chinas für andere und neue Perspektiven zu öffnen. Neben der traditionellen Malerei und der Rhetorik der Propagandakunst im Namen der kommunistischen Revolution entsteht ein Austausch und Diskurs mit der Kunst anderer Kulturen. Mit Tusche auf Reispapier und in Ölfarben auf Leinwand entstehen Bilder, die für die chinesische Malereitradition in jeder Hinsicht neu sind.. An den Akademien beginnt die persönliche Entwicklung junger Künstlerinnen und Künstler wesentlich zu werden. Das verkörpern die Werke der in dieser Ausstellung gezeigten Künstler, die heute oft selbst als Hochschulprofessoren an Akademien lehren oder in den Künstlerverbänden die Interessen der Künstler vertreten.

Das kulturelle Erbe hat in den meisten Werken durchaus noch seinen Platz und schwingt mit in den Motiven und den neuen Möglichkeiten des Malens mit Tusche, mit modernen Öl- und Acrylfarben, auf dem traditionellen Reispapier wie auf der auf Keilrahmen aufgespannten Leinwand.

In mit Acrylfarben farbig aufgeladenen Formationen aus Reispapier breitet Qiu Deshu seine Berglandschaften aus, pittoresk und aus großer imaginärer Höhe wahrzunehmen. Die klassische Landschaftsmalerei schwingt mit und zugleich eröffnen seine Bilder auf neue Weise abstrakte, moderne Möglichkeiten der Malerei und ihrer Motive. Lin Ji zeichnet mit dem Pinsel moderne Grotesken mit bissigem Humor und erotischen Anspielungen. Texte im Bild unterstreichen die kritische Grundstimmung. Traditionelle Aspekte der Tuschemalerei sind in seinen Bildern ebenso zu finden wie die mögliche Auseinandersetzung oder Parallelen mit Bildern westlicher Kunst von der Neuen Sachlichkeit bis hin zu populären Motiven und Gesichtern aus der modernen Medienwelt. Die seriellen Bilder von Zhang Yu erproben das konzentrische Fließen und Trocknen von Tee, den er wie Tusche ins malerische Experiment einbringt. Konzentrische Kreisflächen unterschiedlicher Farbintensität schaffen eine moderne künstlerische Räumlichkeit und Plastizität. Die Wiederholung folgt den Parametern einer künstlerischen Versuchsreihe, sie vermittelt meditativen Charakter und ist eine Übung zur Meisterschaft. Die sinnliche, erotische Anspielung kann man mitdenken, muss es aber nicht.“ Inkfeeding 20150301“ lässt den Betrachter eine plastische Versuchsanordnung zur Tuschemalerei miterleben. Die minimalistische Skulptur eines Stapels Reispapier verwandelt sich zum Farbkörper, in dem die Tusche langsam osmotisch aufsteigt und an der Oberfläche eine überraschende malerische Fassung entwickelt. Mit Brandspuren und Ausreibungen erweitert Wang Tiade die Möglichkeiten der Tuschemalerei auf Reispapier. Traditionelle Motive, die Darstellung einer imaginären Landschaft wie die Schrift, werden zum Experimentierfeld für eine abstrahierende Form von Malerei und Zeichnung mit eigener Atmosphäre und Poesie. Bild, Text und Ornament, Tradition und moderne Bildsprache, das Drama in der Landschaft und die Sprache der Zeichen gehören zu einem künstlerischen Dialog in seinen Bildern. Die eigensinnigen, verstörenden Tuschebilder aus der Reihe der „CY Crowd Series“ von Liu Qinghe zeigen einzelne Menschen als Opfer und Täter. Ihnen wohnt ein Erschrecken inne. Der ausdrucksstarke und schonungslose, zum Teil groteske Realismus ist eine Seite seiner ausschnitthaften Bilder. Jedes Bild behält sein wahrscheinlich schreckliches Geheimnis, eine Geschichte, die nur angedeutet bleibt und mehr Fragen auslöst, als Antworten zu geben. Feng Bin malt tanzende Paare, Momente in modernen Gesellschaftstänzen, mal als Partyszene, mal sind die Tanzenden nackt, nur auf Ihre Bewegung konzentriert in dem imaginären Raum des Bildes. Er benützt die moderne Acrylfarbe wie Tusche, dicht, wenn er die Körper und ihre Haltung modelliert, und fließend, wenn die Bewegung und die Stimmung, die Atmosphäre in dem Tanz zum Thema werden. Die Bewegung der Körper findet in der malerischen Geste ihre Entsprechung. Jede Figur des Tanzes bekommt einen zeichenhaften Ausdruck im Bild. Cai Guangbin hält in seinen Portraits und Körperbildern die Spannung zwischen den gestalterischen Polen der Tuschemalerei, zwischen präziser zeichnerischer Linie und Form und deren Verschwinden, wenn die Tusche flüssig wird, vom Reispapier aufgesogen gerade noch die Ahnung eines Körpers zulässt. Wenn nur ein Schatten zu sehen ist, fast wie in einem Photogramm, dann wird der Körper eher zum Geheimnis, als dass man seine Nacktheit begreift. Wu Yi zeichnet in realistischer Manier mit feinem Pinsel, mit Tusche auf Reispapier junge Soldatinnen. Die Landschaft ist nur angedeutet, der Ausdruck der Gesichter, die Gesten und die Kleidung der jungen Frauen sind zeichnerisch so angelegt, als ob der Künstler die klassische Tuschezeichnung mit dem emphatischen Realismus der Darstellung des revolutionären Kampfes zu verbinden sucht. Die Blätter haben den Titel „Spring“, die Situation im Bild ist entspannt. In dem Grund des weißen Papiers besitzen die Tuschezeichnungen eine besondere Offenheit und zugleich eine stimmungsvolle Konzentration. Die mit „Night“ betitelten , großformatigen Tuschebilder zeigen Szenen, die absurd, melancholisch und wie Parabeln wirken: Die bewaffneten Männer winken mit Lampen in die Nacht, aber wohin, für wen? Eine Menschenleiter ermöglicht dem Kämpfer an der Spitze über den Bergkamm zu schießen – wohin, bleibt offen. Wei Qingji setzt dichte, flächig schwarze, zeichenhafte Figuren ins Zentrum seiner Blätter. Man kann einen Mythos im Kampf von Mensch und Pferd vermuten, in der Figur des Drachens. Schwarze zeichenhafte Fläche und lineare bewegte Zeichnung, das Fließen, das sind verschiedene Aggregatzustände der Tusche und im Kunstwerk doch gleichzeitige Formen der Gegenwart des Motivs im Bild. In den bizarren Bergformationen und Motiven auf den Gipfeln in „Sunrise“ scheint das surreale Moment in der chinesischen Landschaftsmalerei durch. Die Tuschemalerei ermöglicht bedrohliche Dichte, die Zeichnung den Hauch einer Vorstellung, und die Farbe löst die Stimmung des Sonnenaufgangs aus, schön und hoffnungsvoll und zugleich verdächtig und zweifelhaft.

Das sind Anmerkungen mit europäisch sozialisierter Wahrnehmung und Interpretation der Bilder. Diese Ausstellung zeigt Kunstwerke, die die Tradition der chinesischen Tuschemalerei und ihre Motive als ein Stück Geschichte in sich tragen und zugleich individuelle künstlerische Perspektiven zur Anschauung bringen und zur Diskussion stellen. Malerei und Zeichnung sind bis heute die akademischen Königsdisziplinen. Traditionelle Werte, in der Tradition feste Bestandteile der Meisterschaft, sind fließend geworden. In den Entwicklungen der Sprachen der Bilder und im Diskurs unter den Künstlern eröffnen sich viele kontroverse Reflexionen. „Das Museum ist ein Ort ständiger Konferenz“ (Joseph Beuys), mithin auch diese Ausstellung.

 

                                                                                                                                                                                                                                                                                               

 

 

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25.04.2018 16:00 Uhr

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