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Vom Pferd erzählen

Ort
Halle oben
Zeitraum
25.06.2006 - 20.08.2006

Fliegende Mähnen, geblähte Nüstern, vollendetes Muskelspiel – das Pferd gilt als Inbegriff von Freiheit, Schönheit, Eleganz und Kraft. In der Begleitung des Menschen wurde es zu einem Mitgestalter des Abendlandes. Es hob den Menschen über sich selbst hinaus, es hat ihm Macht über die Natur und andere Menschen verschafft. Somit gehört das Bild vom Pferd zu den ältesten Motiven der Kunst- und Kulturgeschichte. Die Ausstellung „Vom Pferd erzählen“ zeigt, dass es nach wie vor in der zeitgenössischen Kunst mit starken Bildern gegenwärtig ist. Vor allem in Fotografie und Video, aber auch in Skulptur, Malerei, Installation und Performance suchen die 40 Künstlerinnen und Künstler der Ausstellung den „Mythos Pferd“ zu fassen. Dabei ist der skeptisch-humorvolle Unterton des im Titel anklingenden geflügelten Wortes Programm: Wer eine „Geschichte vom Pferd erzählt“ – ob mit Worten, zeichnend oder mit der Kamera – steht im Verdacht unverblümt und gekonnt mit Wahrheit und Erfindung zu spielen. Das geschaffene Bild offenbart immer die Haltung seines Schöpfers, es ist auch ein Bild von einem Menschen, ein Indiz für dessen momen-tane Befindlichkeit und den Zustand der aktuellen Gesellschaft.
Die Ausstellung nimmt ihren Ausgang in den 1960er Jahren, in jenen Jahren als das Pferd bei Jannis Kounellis und Joseph Beuys seine ersten Live-Auftritte in der Kunst bekam. Klassische Motive wie das Reiterstandbild oder das Tierbildnis finden, wenn auch gebrochen, Fortsetzung in bildhauerischen Arbeiten von Stephan Balkenhol, Johannes Brus, Henk Visch oder Berlinde de Bruyckere. Der junge Berliner Künstler Christof Zwiener spinnt das Innere eines Reiterstandbildes als filigrane Fadenkonstruktion unter die Decke der Göppinger Kunsthalle. Die klassische Bildhauerproblematik von Innen und Außen, von Positiv und Negativ, von Zeichnung und Skulptur löst er so in einem verblüffenden Zugleich auf.
Ein Schwerpunkt der Ausstellung Vom Pferd erzählen liegt auf der Fotografie. Anri Salas surreale Aufnahme „No Barragan no Cry“ zeigt einen wunderschönen Schimmel, den man auf unerfindliche Weise bäuchlings auf einem metallenen Sockel gehievt hat. Diese einzelne Fotografie ist binnen kürzester Zeit zu einer Ikone geworen. Gerade die fotografischen Serien sind es, die es erlauben, bestimmte Aspekte und Themen zu umkreisen: Charlotte Dumas zeichnet mit ihren Fotografien ein intimes und melancholisches Portrait von Pferden im Polizeidienst, der Finne Esko Männiköö nähert sich dem mächtigen Tier in extremer Nahsicht, während Alexandra Vogt mit ihren Fotografien von jungen Frauen und Pferden über dem Abgrund eines schier unerträglichen Unbehagens wandelt, dort wo Fantasien,
Sehnsüchte und Träume in ein von Unsicherheit begleitetes sexuelles Verlangen umschlagen. Auch in den Arbeiten Sonja Alhäusers oder in den gestickten Zeichnungen der jungen albanischen Künstlerin Anila Rubiku bei der Australierin Jenny Watson oder auch in den Fotoarbeiten Swetlana Hegers spielt das spezielle Verhältnis zwischen Frauen und Pferden eine Rolle.
Lois Renner erzählt für die Ausstellung der Göppinger Kunsthalle im besten Sinne des Titels seine „Geschichte vom Pferd“, als Fotoarbeit und Skulptur. Außerdem ist in Kooperation mit Klaus und Nina Sohl ein mitreißender Film entstanden, der ein vollkommen unerwartetes Bild des österreichischen Künstlers zeichnet. Ohnehin trägt die Ausstellung der Tatsache Rechnung, dass die Geschichte des Films auf das Engste mit dem Pferd verbunden ist: Am Anfang stand der Drang Eadweard Muybridges, die Bewegungen des Pferdes, die sich in ihrer Rasanz dem Vermögen des bloßen Auges entziehen, fotografisch zu bannen. Entfernt erinnert Astrid Nippoldts Videoarbeit „The Serendip Stadium“ an diese frühen Bilder. Das Video zeigt Traber, die sich bei einem absurd anmutenden Training inmitten eines Schneesturmes geradezu grafisch auflösen. Im Spiegel der Installation „ONEONE“ von Daniele Buetti wird die Projektion eines sich genüsslich im Sand wälzenden Pferdes zu einem märchenhaften Tauchgang, Diana Thater befasst sich in ihrem Video „The deep space is the best space“ mit dem Faszinosum der Dressur. Im Anblick des sich demütig verneigenden edlen Tieres wird der Gegensatz von Natur und Knechtschaft zutiefst fassbar. So ist das Pferd durch seine enorme Anpassungs- und Lernbereitschaft zu einer zentralen Projektionsfigur des menschlichen Ehrgeizes geworden. Dazu gehört auch der Rasse- und Zuchtgedanke, reflektiert in der Werkgruppe „Race, class, sex“ des Briten Mark Wallinger oder in Andreas Slominskis Arbeit „Wiener Schwarz“.
Marina Abramovic / Sonja Alhäuser / Heike Aumüller / John Baldessari / Stephan Balkenhol / Joseph Beuys / Johannes Brus / Berlinde de Bruyckere / Daniele Buetti / Tom Burr / Loris Cecchini / Enzo Cucchi / Charlotte Dumas/ Tamara Grcic / Swetlana Heger / Ottmar Hörl / Jörg Immendorff / Jannis Kounellis / Esko Männikkö / Dirk Meinzer / Olaf Metzel / Yves Netzhammer / Astrid Nippoldt / Ralf Peters / Sigmar Polke / Richard Prince / Thomas Putze / Lois Renner / Anila Rubiku / Anri Sala / Fritz Schwegler / Diana Thater / Muriel Toulemonde / Abisag Tüllmann / Henk Visch / Alexandra Vogt / Mark Wallinger / Jenny Watson / Georg Winter / Christof Zwiener
Im Verlauf der Ausstellung erscheint eine von Annett Reckert herausgegebene Publikation im Hatje Cantz Verlag (ca. 160 S., 4/4-farbig, Texte von Melanie Ardjah, Stephan Berg, Frank Degler, Carina Herring, Andrea Jahn, Mario Kramer, Werner Meyer, Annett Reckert, Stefanie Schottka, Tim Zulauf)
Die Ausstellung wird unterstützt von der Kreissparkasse Göppingen, der Wackler GmbH & Co., Sohl Media, dem Reit- und Fahrverein Göppingen e.V. und von privaten Förderern.