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Giovanni Rizzoli. Secreta

03.03.2020 - 26.04.2020

 „Metamorphoses“ (2020), das zentrale Werk der Ausstellung in der Kunsthalle Göppingen ist eine Installation von Bildern, die sich förmlich selbst malen. Diese von Giovanni Rizzoli initiierte Malerei nennt er „objective painting“. Dies ist ein besonderer und vielleicht ultimativer Beitrag zur performativen Malerei, in der der Künstler eine selbsttätige Malerei in Szene setzt, ohne dass er mit dem Pinsel oder in der Komposition unmittelbar das Geschehen steuert. Zufall, Materialqualitäten und Schwerkraft spielen eine Rolle. Das Bild ist nicht berechenbar, sondern einer freien Intelligenz im Prozess seiner Entstehung überlassen. Im action painting eines Jackson Pollock oder in den „Infusioni“ Giovanni Rizzolis seit 1990 finden sich Vorläufer dieses Kunstgeschehens, das in letzter Konsequenz am 1.3.2020 zur Eröffnung in der Kunsthalle Göppingen zu erleben ist. In Zeiten der Debatte um autonome künstliche Intelligenz ist dies ein zeitgemäßer Beitrag in der Malerei, einer eigentlich zutiefst analogen künstlerischen Disziplin. Sicher kommen dabei inspirierende Bilder an die Oberfläche der Leinwand, aber es handelt sich nicht deshalb um Kunst, weil die Werke von einem Künstler stammen, sondern es geht wesentlich um ihre Stellung innerhalb des Diskurses um Kunst. Wegweisende Beiträge zur Entwicklung von Kunst haben schon immer Künstlerinnen und Künstler mit Bildern in die Welt gesetzt. Die (kritische) Theorie, der Disput und die Kunstgeschichte sind ihnen gefolgt. Die wesentlichen Setzungen und Momente des Kunstgeschehens machen die Kunstwerke und ihre Ausstellungen.

Secreta (Geheimnisse) ist der Ausstellungstitel und dieser umfasst auch eine Reihe von Werken des Künstlers, in denen er immer wieder das unsichtbare Innere von Dingen, Motiven und Bildern zum Thema macht. Kunstwerke beinhalten im eigentlichen Sinn äußere Formen. Die Ahnung von diesem Inneren, die Möglichkeiten der Interpretation und des Begreifens und Verstehens macht ihre eigentliche Bedeutung aus, die einbeschlossen ist in die Form, wenn wir sie als Metapher verstehen, als Bild, das sich erst durch die Betrachtung erschließt. Geigenkästen in Bronze müssen nicht einfach Violinen enthalten. Manchmal ist das Naheliegendste nur eine Tarnung, ein Versteck. In Metall gegossene Behälter von Tabletten sprechen als serielle, aus dem Alltag abgeleitete Kunstwerke an und spielen auf einen eigentlichen Inhalt an, der mit den Wirkungen von Medizin zu tun hat. Eine 8 ist nur eine Zahl und sie ist seit Alters her eine Metapher für Unendlichkeit, ein Behälter für eine eigentlich nicht vorstellbare Dimension von Zeit. Seit der Antike ist jede Wissenschaft den Geheimnissen und Verstecken in dieser unserer Welt auf der Spur, und mit ihr findet und erfindet die Kunst dafür Bilder.

„Kunst macht sichtbar“ (Paul Klee) ist keine selbstverständliche Feststellung eines Künstlers, sondern eher eine These, eine Behauptung, die es mit jedem Bild immer wieder zu befragen gilt. Bedeutung ist ein innerer Wert, für den die äußere Form eine Schale bildet, durch die Einsicht befördert, aber nicht unbedingt verraten wird. Es geht in dem zweiten Teil der Ausstellung zumeist um Skulpturen, deren inneres Geheimnis deren Bedeutung als Bild ausmacht, Vorstellungsvermögen und Wissen mit eingeschlossen.

Giovanni Rizzoli (geboren 1963 in Venedig) wuchs in Venedig, Canada und in der Schweiz auf. Er studierte Kunst in London, New York und machte seinen Studienabschluss in Kunstgeschichte des Mittelalters an der Universität Ca’Foscari in Venedig. Mit zahlreichen Einzelausstellungen und Beteiligungen an Gruppenausstellungen in der Triennale der Kleinplastik, Stuttgart (1998), der Biennale von Venedig (1999),  der XV.Quadriennale in Rom (2008), in Sint-Niklaas (Belgien) (2010), Città di Castello (2015) macht er sich international einen Namen als Künstler, der zu zentralen Entwicklungen in der zeitgenössischen Kunst mit seinen Werken immer wieder wesentliche Beiträge leistet. Er hat an der New York University in New York und Venedig unterrichtet.

 

 

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